Die wirtschaftliche Entwicklung ...


Unbestritten hatte die Landwirtschaft und der Wald mit ihren Erzeugnissen in der Gemeinde Remblinghausen über Jahrhunderte prägende Bedeutung. Heute stellt die landwirtschaftliche Betriebsfläche mit nahezu 1900 ha einen Anteil von etwa 42 Prozent am Gemeindegebiet dar. 2100 ha Waldbestand liefern einen Jahreseinschlag von durchschnittlich 12.000 Festmeter.

Dennoch ist vor allem im Dorf selbst in den letzten Jahrzehnten eine Strukturänderung erfolgt zugunsten neuer Erwerbsmöglichkeiten außerhalb des bäuerlich-handwerklichen Bereichs. In der nahen und weiteren Umgebung bieten Industriebetriebe, Bauunternehmungen, Kaufhäuser und Verwaltungsbüros lohnende Arbeitsplätze. Allein von 1939 bis 1950 sank die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten von 47 Prozent auf 34 Prozent, und diese Zahl hat in den letzten Jahren noch zusehends abgenommen.

Indessen berichten bereits Akten im 17. Jahrhundert vom Drasenbecker Eisenhammer; die Sägemühle wird schon um 1660 erstmalig erwähnt, und Hanses Schmiede besteht nachweislich weit über 300 Jahre. Es gab im 18. Jahrhundert ein paar Branntweinbrennereien, und die Tuchmacher aus Biermanns Haus zählten 1716 zu den Mitgliedern der Mescheder Zunft. In Mielinghausen brannte man Kalk in einem Ofen. Die Löllinghauser Mühle blickt auf ein sehr hohes Alter zurück: sie wird in einem Güterverzeichnis der Grafschaft Arnsberg von 1348 erwähnt, und die Baldeborner Mühle ist für das 18. Jahrhundert belegt.

 

Den Kirchenbüchern ist zu entnehmen, dass in der Gemeinde Remblinghausen eine nicht geringe Zahl von Handwerkern lebte, unter denen die Leineweber besonders im 19. Jahrhundert stark vertreten waren. auch sei an den längst nicht mehr betriebenen Bergbau in Alexander am Bastenberg erinnert, der seit seinem Beginn nach 1850 nicht nur Arbeit und Brot für zahlreiche Männer in Mosebolle, Blüggelscheidt, Höringhausen und Remblinghausen brachte, sondern auch Krankheit und erhebliches Leid in den Familien: die meisten Bergmänner erwartete ein früher Tod. Die Sterberegister sprechen in dieser Hinsicht eine bittere Sprache.

Für die Zeit um 1550 kann die Zahl der Einwohner in der Gemeinde Remblinghausen mit etwa 470 ermittelt werden; um 1890 zählte man über 1500. Die Zahl der Wohnhäuser betrug nach dem ältesten Schatzungs-Register von 1536 annähernd 70, fast 300 Jahre später - im Jahre 1818 - wurden noch nicht mehr als 96 Wohnhäu-ser registriert.

Aus den Protokollen des Gemeinderats im 19. Jahrhundert (1851) kann man erfahren, wie sich durch Ansiedlung neuer Bewohner und ernsthafte Bemühungen um den arg verwahrlosten Wegebau allmählich ein modernes Gemeinwesen zu entwickeln begann:

"Das hiesige Kirchspiel zählt eine Seelenzahl von ca 1400, darunter befinden sich 53 Bauern. Alle übrigen Bewohner sind Kötter und Beilieger, welche bei dem wenigen geringen Verdienste die meisten als Tagelöhner ihr Brot kümmerlich suchen müssen. Seit acht Jahen hat die Gemeinde Remblinghausen an Communal-Umlage zu Wegebauten, Reparaturen etc. gewiss jährlich eine Summe von 800 bis 900 Taler aufgebracht, und diese Aufbringung wird sicher noch eine Reihe von Jahren notwendigerweise fortbestehen müssen."

Die Bautätigkeit nahm insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg erheblich zu - nicht nur die im letzten Kriegsmonat April 1945 zerstörten oder schwer beschädigten Gebäude wurden wieder aufgebaut, sondern eine große Zahl modernder Wohnhäuser gab dem Dorf ein ver-ändertes Bild. Einige jahrhundertealte Höfe verschwanden bei der Vergrößerung der Hennetalsperre von 1950 bis 1955.

In diesem Zusammenhang muss auf das erfreulich zunehmende Angebot im Bereich des Fremdenverkehrs, der Erholung und der sportlichen Möglichkeiten hingewiesen werden.

Die finanziellen Möglichkeiten der Städte und Gemeinden stehen und fallen bekanntlich mit dem Grundsteuer- und Gewerbesteueraufkommen. In vielen Gemeinden des Sauerlandes mit ausgesprochen landwirtschaftlichem Charakter und geringer oder sogar keiner Industrie liegt das Gewerbesteueraufkommen sehr niedrig. Die Folge sind ein niedriger Haushalt, der oft nur durch Zuschüsse ausgeglichen werden kann, und sehr begrenzte Möglichkeiten auf dem Bausektor der Gemeinde oder in der Frage der Straßen- und Wegeunterhaltung.

Dies galt generell bis zur kommunalen Neuordnung 1975. Deshalb nahm in der Gemeinde Remblinghausen die Bevölkerung auch lebhaften Anteil, als am Wollenberg die Firma Kronenberger Steinindustrie, Franz Trickes, Wuppertal, 1955 einen Steinbruch anlegte, wo auch in einem Vorbrecher die gewonnenen Steine auf eine bestimmte Größe vorgebrochen wurden. Ebenso waren zwei Brecher vorhanden, die die Steine dann bis auf die erforderliche Größe zerkleinerten. Ein weiteres, 1955 neu angesiedeltes Werk war das Sägewerk, das Theo Schulte, Drasenbeck, an der sogenannten Hammerbrücke anlegte.

Kolonie Alexander am Bastenberg
Um 1850 schlossen sich der "Rheinisch-Westfälische-Bergwerksverein" als Nachfolger der "Ramsbecker Gewerkschaft" und eine Stolberger Gesellschaft zur "Aktiengesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg in Westfalen" zusammen. Das Gesellschaftskapital befand sich überwiegend in französischer Hand. Nach dem Motto "corriger la fortune", mischte Marquis de Sassenay, der Direktor dieser Gesellschaft, unbemerkt Silber in das zu schmelzende Blei. Als das Silber gefunden wurde, war die Sensation perfekt. Optimisten glaubten schon an ein sauerländisches Kalifornien. 1.500 Bergleute, zum Teil aus dem Harz, wurden neu eingestellt. Auch viele Glücksritter und Abenteurer kamen ins Valmetal. Neben anderen Arbeiterdörfern im Raum Ramsbeck (Andreasberg, Heinrichsdorf) entstand westlich von Ramsbeck auf dem Gebiet der Gemeinde Remblinghausen die Kolonie Alexander. In aller Eile hatte die Grubenleitung hier neun 4-Familien-Häuser errichtet. Die darin untergebrachten Familien kamen u. a. aus Messinghausen, Thülen, Silbach und Remblinghausen. Schon an den Familiennamen Hermes, Schulte, Stappert, Droste, Dröge, Dreier u.a. merkt man, dass im Nierbachtal ausnahmslos Sauerländer untergebracht waren.

Nach einem bereits vorhandenen, aber 1848 wegen Unergiebigkeit stillgelegten Stollen, erhielt die Kolonie ihren Namen: ALEXANDER. In den Katasterkarten führte dieser Raum die Bezeichnung "In den Krabben". Der neue Wohnplatz lag am Fuße des Bastenbergs. Die Bergleute von Alexander hatten einen kurzen Weg zu ihrem Arbeitsplatz, denn unmittelbar vor ihren Wohnungen lagen die Stolleneingänge. Weit jedoch war der Weg der Kinder zur Schule in Berlar, noch weiter der Weg zum Krämer, zur Kirche und zum Arzt in Ramsbeck. Der Weg über Berlar und Ziegelwiese nach Ramsbeck war fast doppelt so weit wie der Höhenpfad über Bastenberg und Steert, der mindestens eine Stunde erforderte.

Damals wurden in relativ kurzer Zeit 30 km neue Straßen gebaut, um Wohn- und Arbeitsstätten zu verbinden.

 

Vor 1851 verdiente in 12-stündiger Arbeitszeit unter Tage Hauer und Förderleute 80 bis 100 Pfennige, Scheidejungen 50 Pfennige. Aber nicht alle Zeitgenossen träumten schon von einem großen Industrierevier im Valmetal und seinen Seitentälern. Friedrich Wilhelm Grimme äußerte sich zu der Entwicklung wie folgt:

 "[...] die Gelder flossen in Strömen nach Ramsbeck, [...]neue Dörfer mit nagelneuen Namen entstanden [...]. Für die Gelder, die dies alles verschlang, sollte der arme Bastenberg aufkommen; er aber blieb al-lein nüchtern bei diesem Rausche."

In der kurzen "Rummelzeit" - so nannte man damals die Zeit der Scheinblüte -, die im Mai 1855 endete, wurde von den Bergarbeitern das Dreifache verdient, aber auch schnell wieder ausgegeben. Die Familien in Alexander lebten in ländlicher Abgeschiedenheit. Nur in wenigen Fällen konnte eine Ziege oder gar eine Kuh gehalten werden. Die Frauen und Kinder der Bergleute verdienten sich durch Beeren- und Pilzsammeln ein bescheidenes Zubrot. In der Kolonie gab es zwei Brunnen. Pro Wohnung mussten 3 bis 4 RM als Miete aufgebracht werden. Petroleumlampen brachten ein warmes, wenn auch nicht sehr helles Licht in die Wohnungen.

Im Gegensatz zu den anderen Ortschaften der Gemeinde Remblinghausen gab es in Alexander keinen "Ortsvorsteher", sondern einen "Ortsverwalter", der der Grubenleitung in Ramsbeck unterstand. Er verteilte im Auftrag der Grubenleitung auch Kohle an die Familien. Das Scheffel (54,962 l) Kohle kostete damals 90 Pfennige. Es ist anzunehmen, dass bei diesen hohen Kohlepreisen der nahe Wald sicher den größten Teil des erforderlichen Brennstoffes lieferte.

Als der Silberschwindel endlich aufflog, ging den Aktionären nach ca. 1 ½ Jahren die Luft aus. Ein totaler Zusammenbruch war die Folge des Betrugs. Etwa 800 Kumpel gingen schwer enttäuscht und ohne nennenswerte Ersparnisse zurück in ihre Heimatorte oder versuchten im Ruhrgebiet ihr Glück.

Nach dieser Pleite übernahm 1855 die Stolberger Zink AG, Aachen, den gesamten Grubenbetrieb und verhinderte so, dass der seit Jahrhunderten betriebene Bergbau im Raume Ramsbeck völlig einschlief. Die Arbeiter aus Alexander wurden in Ramsbeck weiter beschäftigt. Die Kolonie aber verlor als Wohnplatz mehr und mehr an Bedeutung. Die Einwohnerzahl sank ständig. Um 1870 verließen die ersten Familien ihre Wohnungen im Nierbachtal. Nach der Volkszählung von 1871 hatte Alexander noch 231 Einwohner. Waren es 1890 noch 157 Bewohner, konnten 1910 nur noch 84 gezählt werden. Nach dem 1. Weltkrieg standen dann die meisten Wohnungen leer. Nach und nach wurden sie abgebrochen. Als die Grubenverwaltung dann auch noch die letzen Häuser abreißen ließ, mussten auch die letzten Familien das Nierbachtal verlassen. Nur ein Haus blieb zunächst stehen. 1919 verlobte sich in Alexander der Heimatdichter Jost Hennecke aus Remblinghausen mit Therese Dietz. Das letzte Haus, bzw. ein Teil davon, diente bis zum Ende des zweiten Weltkrieges dem Mescheder Amtsbürgermeister Scherf als Jagdhütte.

Etwa zu der Zeit, als Andreasberg und Heinrichsdorf (Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhun-derts) ihr 100-jähriges Bestehen feierten, wurde die Ruine des letzten Hauses von Alexander abgerissen, da in den Trümmern oft Wohnungslose hausten. Sowohl die Stolberger Zink AG als Eigentümerin als auch das Amt Meschede griffen hier ein, um eine Gefahren- und Unfallquelle zu beseitigen. Bei der Aufgabe der Förderstätte Alexander wurden Schächte und Stollen fachmännisch abgedeckt bzw. mit eisernen Gittern versperrt. Dort, wo einst 36 Familien lebten, ist es ruhig geworden. Nur der Nierbach schlängelt sich leise plätschernd durch das Tal und nimmt noch Sickerwasser aus den Stollen auf. Über den Kahlschlag der Häuser hat der Wald gnädig sein grünes Kleid gebreitet und die letzten Reste wirtschaftlicher Fehlplanung fast unsichtbar gemacht.